Zu Fuß um die ganze Republik
Wie verrückt ist das denn? Mein erster Gedanke als ich darüber gelesen habe. Ob nun verrückt oder nicht – jedenfalls ist das eine stolze Leistung von Helga Wissing aus Düsseldorf und Klaus Grommes aus Bonn. Wir verneigen uns vor dieser Leistung.
Dass wir diese beiden sympathischen Wanderer kennen lernen, daran ist Selfkant schuld, der westlichste Zipfel Deutschlands. Ich recherchiere über den Zipfelbund und finde diese wahnsinnige Geschichte. Das Geschriebene verschlinge ich ohne Pause, und an manchen Stellen fallen mir fast die Glotzböbbel aus dem Kopf, so unglaublich ist das, was Helga und Klaus zu erzählen haben. Wir schaffen es tatsächlich, uns mit den beiden zu verabreden. Jetzt sind wir schon vier Verrückte. Bei unserem Treffen in Düsseldorf gibt es noch mehr zum Staunen, denn die beiden passionierten Wanderer können stundenlang erzählen, ohne sich zu wiederholen. Sie hatten schon Tausende von Kilometern unter den Sohlen, als sie schließlich beschließen, die Küsten abzuwandern. Begonnen haben sie mit dem Fördesteig von Flensburg nach Kappel/Schlei. Bei allerbestem Wetter! Da kann man schon einmal auf den Gedanken kommen, ein andermal, woanders noch einmal eine lange Tour zu planen. Sie wandern am Lech, sie wandern entlang der niederländisch-deutschen Grenze und landen schließlich in Selfkant, nicht ahnend, dass sich dort mehr oder weniger unsere Wege kreuzen.
Dass aus ihrer Passion der Plan entstehen würde, Deutschland auf Schusters Rappen zu umrunden – das war nicht absehbar, als sie 2021 im hohen Norden gestartet sind. Interessant ist, dass diese Idee sich bei jedem der beiden im Kopf manifestiert hat – ohne mit dem anderen gesprochen zu haben. Da sind zwei unterwegs, die verstehen sich blind, sie ticken vollkommen gleich! Jedenfalls scheuen die beiden Rheinländer keine Herausforderung, keine strengen Temperaturen, keine Unwegsamkeiten. Was sie sich vornehmen, ziehen sie durch – gnadenlos, auch bei Regen, Schnee und Wind – im Sommer und im Winter. Mit Planung und Logistik kennen sich Helga und Klaus gut aus. „Manchmal sind wir mit zwei Autos zu einer längeren Etappe gefahren,“ erzählt Helga, „dann stand ein Fahrzeug am Beginn und das andere am Ende einer Etappe. Ab und zu war es nötig, zu einem der Fahrzeuge zurückzukommen, um z.B. Futter für Frodo (ihren vierbeinigen Wegbegleiter) nachzufüllen“. Jedenfalls waren die Rucksäcke ganz schön schwer. Meistens mit dabei – ein Zelt, denn in wenig besiedelten Gebieten war die Natur oft die einzige Möglichkeit, über Nacht zu bleiben. „Abenteuer pur“ nennt Klaus, was sie tagtäglich erlebt haben.
Das Wandern wird für beide zu einer Passion – mit tollen Begegnungen und Gesprächen, mit viel Ruhe in der Natur, aber jeden Tag mit Überraschungen. „Die größte Herausforderung“, blickt Helga zurück, „war der „Störtebekerweg zwischen Leer und Wilhelmshaven. Da brauchten wir unsere ganze Motivation.“ Wind, schwieriges Gelände und eine gewisse Eintönigkeit….das alles war aber nicht genug, um die anstrengende Tour abzubrechen. Aufgeben gibt es nämlich nicht für Helga und Klaus. Bei Minustemperaturen und Hitze, bei Glatteis und angenehmem Gelände, bei Regen und Schnee – sie nehmen jede Herausforderung an. Jedenfalls bleibt es nicht beim Störtebeker Weg, zumal damit die Küste ja noch längst nicht erkundet ist. Also planen sie weitere Etappen.
Und sie machen dieselbe Erfahrung wie wir: Unser Deutschland ist sooo schön und vor allem abwechslungsreich. Der Blick von Helga und Klaus richtet sich allerdings häufig von den Nachbarländern aus in Richtung Deutschland. Wo es möglich ist, wandern sie nämlich direkt an der Grenze entlang. Oft markieren kleine oder größere Flüsse den Grenzverlauf. Völlig begeistert sind sie von der Wegausschilderung in den Niederlanden: Wege für Wanderer, für Radfahrer, für Reiter – niemand kommt sich ins Gehege. In der Schweiz, wo die Autos parkieren und die Menschen grillieren, bewundern sie die sog. „Badis“, also die Badeanstalten, direkt am Rhein. Dort nehmen die Schweizer einen „Schwumm“. Sachen gibt’s !!! Ein Ausdruck in Helga’s Blog, wenn sie sich mal wieder über etwas wundert.
Täglich nehmen Helga und Klaus um die 20 km in Angriff. Unterwegs lernen sie freundliche Menschen kennen: Der Besitzer einer Ferienwohnung irgendwo in Sachsen lädt sie zu einem Bier ein, am Königssee haben sie Spaß mit Gästen aus Korea. Man redet mit Händen und Füßen, aber man versteht sich auf Anhieb. „Jeder Tag ist eine Überraschung“, sinniert Klaus, dem die Verbindungen verschiedener Fernwege sehr imponiert. Helga schwärmt von den sog. „Umgebindehäusern“ im Osten der Republik. Die empathische Rheinländerin findet immer jemanden, der ihre vielen Fragen beantwortet. Und für uns wird eines ganz schnell klar: Helga und Klaus sind ein unschlagbares Team, das sich gegenseitig hochschaukelt.
Gibt es neue Pläne? Aber klar: Helga startet im April zu ihrer ganz persönlichen Wandertour vom nördlichsten zum südlichsten deutschen Zipfel, von List/Sylt nach Oberstdorf. Das sind 3700 km. Klaus möchte wieder öfter Radfahren. „Aber wahrscheinlich klinke ich mich auf manchen Etappen bei Helga ein“, verrät er. Irgendwie kann man ihn sich gar nicht ohne Wanderschuhe vorstellen. Klar, dass beide den Zipfelpass haben, denn sie haben alle vier Zipfel Deutschlands besucht. An insgesamt 316 Tagen haben sie unsere Republik umrundet und 5500 km absolviert.
Wir ziehen den Hut und wünschen viel Glück auf den weiteren Touren, und wir sagen Danke für ihre Spenden zugunsten krebskranker Kinder. Wir sind glücklich und dankbar, beide kennengelernt und getroffen zu haben. Hoffentlich laufen wir uns eines Tages noch einmal über den Weg.
alle Fotos: Klaus Grommes
LESEN – STAUNEN – SPENDEN – DANKE!!!
