Zitrone des Nordens
Wie bitte? Zitronen aus dem hohen Norden? Dass ich nicht lache! Andererseits…der Klimawandel…sollte der etwa…? Aber nein! Die Zitrone des Nordens hat ein anderes Gesicht als das, das wir gemeinhin kennen. Sie ist nicht faustgroß und richtig gelb, sondern höchstens so groß wie eine Fingerkuppe und orangefarben. Natürlich heißt die Frucht auch nicht Zitrone sondern SANDDORN. Auf unserer Tour an der Ostsee entlang, von der polnischen Grenze bis Wismar, steht auf den Getränkekarten immer mal wieder der Sanddornsaft, manchmal auch heißer Sanddorn. Aber wo um Himmels Willen wird dieser Saft hergestellt? Und gibt es nicht auch andere Produkte aus dieser Pflanze? Aber sicher! Den Herrn über an die 100 Sanddorn-Produkte lernen wir in Wohlenberg, einem kleinen Ort ganz in der Nähe von Wismar, kennen. Niklot Pagels betreibt dort einen imposanten Hofladen, und die meisten Produkte stellt er selbst her.
„Ursprünglich war das Pflücken und Verarbeiten der orangefarbenen Beeren ein Freizeitspaß“, blickt er auf die Zeit zwischen Abi und Studium zurück. Das war in den 1990-er Jahren. „Auch in den Semesterferien zählte der Sanddorn und dessen Verarbeitung zu meinen Freizeitbeschäftigungen, später bin ich am Sanddorn hängen geblieben. Er passte ja auch perfekt zu meinem Studienfach Ökotrophologie“, stellt Niklot Pagels fest.
„Mich fasziniert an der Pflanze, dass sie so gesund ist“, gibt er zu. Tatsächlich ist Sanddorn sehr reich an Vitaminen und Mineralstoffen. Er stärkt Herz und Kreislauf, und wird sogar in der Krebsforschung getestet. „Mich fasziniert aber auch die Widerspenstigkeit der Pflanze, die mit Geduld und Ruhe geerntet werden muss – zwischen Mitte August und Mitte Oktober, wenn die Beeren ihre leuchtende Farbe angenommen haben.“ Wegen der vielen Dornen ist die Ernte mühselig und erfordert dicke Handschuhe, um die Früchte „gegen den Strich zu melken“, erklärt Niklot Pagels. Die andere Methode: Man schneidet die fruchttragenden Zweige ab, gefriert alles ein, und wenn die Beeren tiefgefroren sind, werden sie abgeklopft. Mit Ventilatoren wird dann sozusagen die Spreu vom Weizen getrennt, soll heißen die Beeren werden von Ast- und Laubwerk befreit.
Für die Weiterverarbeitung ist ein großer Mixer nötig, um aus den Beeren Säfte, Marmeladen, Chutneys, Aufstriche, Liköre und andere Produkte herzustellen. Deren Vielfalt ist einzigartig. Das alles stellt Niklot Pagels selbst her, und es gibt wohl keinen Betrieb, der so viele unterschiedliche Sanddorn-Erzeugnisse selbst produziert. Nur in Bezug auf Kosmetika, Tees und Schnäpse arbeitet der Herr über den heimischen Sanddorn mit Koproduzenten zusammen.
Dass die Früchte an der Küste wachsen, hat zwei wesentliche Gründe. Zum einen brauchen sie sandigen Boden, zum anderen hat man den Sanddorn in der ehemaligen DDR hauptsächlich als Vitaminspender, quasi als Ersatz für Südfrüchte, gezüchtet. Drei Angestellte helfen im Wohlenberger Sanddorn-Hofladen bei Produktion, Verkauf und Versand. „Die Sanddorn-Produkte sind typische Urlaubsmitbringsel, 90 bis 95 % werden an Touristen verkauft und verschickt. Wie aber schmeckt nun Sanddorn? „Säuerlich“, lautet die Antwort, „und da wir Wert darauf legen, die Produkte so rein wie möglich anzubieten, schmecken sie sogar sehr sauer“, gibt Niklot Pagels unumwunden zu . Aber er liefert einen Rat mit. „Am besten man verdünnt den reinen Saft 1:3 mit Wasser und süßt das Ganze nach Geschmack.
Sein Milch-Shake übrigens schmeckt super, sowohl der reine als auch der mit Mango gemischte. Der Hofladen-Betreiber ist übrigens ein großer Experimentierer. Er selbst hat immer wieder neue Ideen, manche Ideen werden von den Kunden vorgeschlagen. So erweitert sich die Produktpalette von Jahr zu Jahr. Dabei berücksichtigt der Sanddorn-Experte auch die Tatsache, dass die Vorlieben regional unterschiedlich sind. In Süddeutschland werden andere Produkte nachgefragt als im Norden, aber genau das macht den Beruf so interessant. Als Ökotrophologe ist Niklot Pagels so einzigartig wie seine Angebotspalette. Wir haben Einblick bekommen in seine Welt des Sanddorns und verlassen wieder ein wenig schlauer den Hof, aber nicht, ohne uns für eine Spende zugunsten krebskranker Kinder zu bedanken. Großartig, dass Niklot Pagels das Projekt „Merkels Grenzerfahrungen“ unterstützt.
LESEN – STAUNEN – SPENDEN – DANKE!!!
