Vertrauen, Qualität und Können
Wir erfahren von der Ostseemühle in Langenhanshagen und wissen sofort: Da müssen wir hin. Allerdings hatten wir keinen blassen Schimmer, was uns dort erwarten würde. Um es kurz zu machen: Der Begriff „Ostseemühle“ drückt nicht annähernd das aus, was Geschäftsführerin Sabine Zaepernick uns zeigt: ein riesiges Gelände mit mehreren Gebäuden, die an die 9000 Artikel beherbergen. Lauter Dinge mit Lebensmitteln, wobei unter Lebensmittel nicht nur Nahrungsmittel zu verstehen sind. Lebensmittel bedeutet für die ausgebildete Damenschneiderin und Modedesignerin alles, was das Leben angenehm macht und den Menschen gut tut. Pflegemittel und Kosmetika gehören genauso dazu wie gesunde Tees, fair gehandelter Kaffee oder Küchenutensilien, die die Alltagsarbeit einfacher machen und noch dazu schön aussehen. Dass aus dem Gelände, das die Familie Zaepernick vor mehr als 20 Jahren gekauft hat, ein Eldorado für das seelische und körperliche Wohlbefinden wird, war nicht abzusehen.
„Das alles hier ist entstanden aus der ehemaligen KfL“, erklärt uns Sabine Zaeperick, aber wir verstehen nur Bahnhof. Wie bitte? KfL? Das bedeutet „Kreisbetrieb für Landtechnik“ – so hieß das in der ehemaligen DDR. Aha! Familie Zaepernick hat das Gelände erworben, um LKW darauf abzustellen. Bernd Zaepernick war damals als Fuhrunternehmer tätig. Die Gebäude spielten zunächst keine Rolle. Ab 2006 reifte dann der Plan, die LKW mit nachwachsenden Rohstoffen, sprich mit Rapsöl, zu betanken. Ein Plan, der zunächst vom Bund gefördert wurde, jedoch nicht so und nicht so lange wie ursprünglich versprochen. Das junge Unternehmen stand kurz vor der Pleite. Aber Sabine Zaepernick wäre nicht die, die sie ist, hätte sie nicht einen Plan B erarbeitet. „Wenn Rapsöl nicht mehr zum Betanken der Fahrzeuge erwünscht ist, dann stellen wir Öl als Lebensmittel her“, beschloss der kreative Kopf der heutigen Ostseemühle und bingo: Das war der – wenn auch nicht leichte – Anfang der neueren Unternehmensgeschichte.
Palim palim machte die Glocke an der Hofladentür als die ersten Kunden kamen. Schnell hatte sich herum gesprochen, dass Qualität ein großes Markenzeichen der noch jungen Firma war. Und weil die Philosophie von Sabine Zaepernick auf Vertrauen aufbaut, durften die Kunden einen Blick in die Produktion werfen. Die konnten sehen, wie das Öl gepresst wird, woraus es gemacht wird, und das kam bei allen gut an. Immer mehr – auch von weiter her – kam die Kundschaft, und sie brachte Hunger oder zumindest Kaffeedurst mit. Also erfolgte der nächste logische Schritt: Ein Café wurde eingerichtet, kleine Speisen und Kuchen angeboten. Ich habe dort tatsächlich einen „Kalten Hund“ gegessen. Wer kennt heutzutage noch einen „Kalten Hund“, die Mischung aus Keksen und einer Schokoladenmasse, die nicht gebacken sondern nur gekühlt werden muss? Mich erinnert das an die Backkünste meiner Mutter. Wer nun aber denkt, damit ist die Kapazität und die Kreativität der Ostseemühle erschöpft, der irrt gewaltig. In den verschiedenen Räumlichkeiten kann man sich einen ganzen Tag aufhalten, und man entdeckt immer wieder Neues.
Neben Öl auch Kaffee und Tee, Kräuter, Saaten, Gewürze und Schokolade, Deko- und Hygieneartikel, Haushaltsutensilien und vieles mehr. Dazwischen stehen oder liegen immer wieder Tafeln mit schlauen Sprüchen. „Diese Sprüche machen gute Laune“, stellt die Chefin fest und tatsächlich: Was ich lese, lässt mich schmunzeln: „Kakao wächst auf Bäumen, also ist Schokolade Obst“, heißt es da zum Beispiel. Überhaupt will Sabine Zaepernick ihrer Kundschaft Wohlbefinden vermitteln. Sie schafft das, indem sie niemanden zu einem Kauf drängt sondern berät und informiert. Tatsächlich finden sich zwischen den Produkten auch Info-Blätter. Wie ist das oder jenes anzuwenden? Wieviel braucht man von diesem oder jenem? „Ich möchte keinen Druck erzeugen, sondern einen Sog“, erklärt sie, und man nimmt ihr ab, dass nicht Gewinnmaximierung im Vordergrund steht sondern Qualität, Lebensqualität. Von den ca. 9.000 Artikeln, die im Angebot sind, lässt sich das meiste auch online bestellen. „Inventur macht bei uns keinen Spaß“, stellt die Chefin fest, und das glauben wir ihr aufs Wort. Das Angebot richtet sie übrigens auf ihre Kundschaft aus. „Wir hören, was die Kunden wünschen und reagieren darauf, auch wenn das bedeutet, dass ich mich manchmal selbst erst schlau machen muss.“.
Die Vielzahl der Produkte machte es erforderlich, as Angebot zu entzerren. Ein zweiter Hofladen wurde eröffnet, die sog. Mehlmühle. Dort gibt es alles, was mit Getreide, Mehl, Müsli und selbst hergestellten Nudeln zu tun hat. Und ich finde – nie hätte ich gedacht, dass es so etwas überhaupt gibt – ein Buch mit dem Titel „Low carb-Brot und -brötchen“. Ein Glücksgriff. Wir haben das Gefühl, dass es nichts gibt, was es nicht gibt
Die neu eröffnete Feinkosthalle ist übrigens das Lieblingskind von Bernd Zaepernick. Edle Weine, Wurst- und Käse aus der Region und vieles mehr lockt die Feinschmecker an. Der Traum, eine eigene kleine Gaststätte zu eröffnen, ist noch nicht ausgeträumt, denn der Chef ist ein begnadeter Koch. Vielleicht, wenn wir wieder kommen, gibt es eine Verköstigung, die er kredenzt. Die Pläne jedenfalls gehen dem Ehepaar und ihrer Tochter Laura nicht aus. Sie ist es, die den Betrieb weiterführen und somit das Lebenswerk ihrer Eltern erhalten wird.
„In Rente gehen, werden wir wohl nie so ganz“, sagt ihre Mutter, „aber das ist kein Problem, denn was wir tun, tun wir mit Herzblut.“ Wer hätte gedacht, dass aus einem ehemaligen KfL (Kreisbetrieb für Landtechnik) ein solches Schmuckstück werden würde? „Es hat sich alles gefügt“, zeigt sich Sabine Zaepernick überzeugt, und dieser Ausspruch macht ihre positive Lebenseinstellung deutlich und ihr Vertrauen in das Leben. Wir ziehen den Hut vor der Lebensleistung der Ostseemühlenbeteiber und bedanken uns für ihre Unterstützung der Aktion „Merkels Grenzerfahrungen“. Danke für die Zeit, die sie uns gewidmet haben und ein herzliches Dankeschön für die angekündigte Spende.
LESEN – STAUNEN – SPENDEN – DANKE!!!
