Mundharmonikas aus Klingenthal

Das Vogtland gilt als „Musikwinkel“ Deutschlands. Soweit, so gut, das war uns klar. Auch dass die Stadt Klingenthal die Stadt der Harmonika ist. Allerdings, das müssen wir gestehen, dachten wir bei Harmonika zuallererst an die HANDharmonika, weniger an die MUNDharmonika. Dabei ist dieses Instrument (bei uns nennt man es ironisch auch „Schnuffelrutsch“) DAS Aushängeschild von Klingenthal. Spätestens bei unserem Besuch bei der Firma C.A. SEYDEL SÖHNE wird uns die ganze Tragweite bewusst. „Seit 1847 werden hier Mundharmonikas gebaut und stetig weiter entwickelt“, erklärt uns Lars Seifert, der Geschäftsführer nicht ohne Stolz, „wir sind die derzeit älteste noch produzierende Mundharmonikamanufaktur der Welt“. Auch die Handharmonika hat ihre Wurzeln in ihrer kleineren Schwester, der Mundharmonika. Während die Fertigung der Handharmonika jedoch längst eingestellt wurde, ist die Mundharmonika jünger, moderner und populärer denn je, und das liegt am Werdegang der Firma C.A. SEYDEL SÖHNE.

Die in Klingenthal gefertigte Mundharmonika ist ein Produkt, das aus allen Wirren der Geschichte gestärkt hervorgeht – hochwertig mit dem Alleinstellungsmerkmal, dass 90 % der Stimmzungen aus Edelstahl sind und nur die restlichen 10 % im preiswerten Segment für Einsteiger aus Messing angeboten werden. Mundharmonikas von Seydel sind sozusagen der Porsche ihresgleichen. Der Weg dahin freilich war nicht einfach und auch nicht kurz. Schon zu DDR-Zeiten gab es tolle Leute mit hervorragenden Ideen, aber die Fabrik war ein volkseigener Betrieb. Nach der Wende suchte die Treuhand die eigentlichen Erben, die ohne finanzielle Mittel und ohne Perspektiven nicht viel ausrichten konnten.

Geschäftsführer Lars Seifert
Edelstahl-Stimmzunge
Stimmzungen werden in Stimmplatten genietet

Erst als sich ein neuer Eigentümer aus Stuttgart fand, konnten alte Zöpfe abgeschnitten werden, und an dieser Stelle kommt Lars Seifert ins Spiel. Der potentielle Käufer nannte zwei Bedingungen. Zum einen sollte ein langjähriger Mitarbeiter mit Spezialwissen später in Rente gehen als geplant und Lars Seifert sollte die Geschäftsführung übernehmen. Für den jungen Klingenthaler, einen aufstrebenden Banker mit, wie es schien, vorgezeichneter Zukunftsperspektive war das keine leichte Entscheidung. Aber er ist das Risiko eingegangen und leitet den Betrieb sehr erfolgreich seit mittlerweile 20 Jahren. Den Schritt hat er nicht bereut. „Im Rückblick war es die beste Entscheidung, die ich getroffen habe“, konstatiert er nach zwei Jahrzehnten. Neue Strategien werden gefahren, die Instrumente gehen an die Endkunden. „Jeder ernsthafte Mundharmonikaspieler kennt die Firma C.A. SEYDEL SÖHNE“, davon ist Lars Seifert überzeugt, „und wer Seydel nicht kennt, kann im Umkehrschluss kein ernsthafter Mundharmonikaspieler sein.“ Jedenfalls spielen zahlreiche Künstler und Hobbymusiker auf den Mundharmonikas aus Klingenthal. Seydel agiert weltweit, hat im Ausland sogenannte sales-Partner und 35 Mitarbeiter in Klingenthal. Um immer auf Fachkräfte zurück greifen zu können, bildet Seydel seine Spezialisten selbst aus – stets mit Blick auf die Altersstruktur der Belegschaft und immer mit Übernahmegarantie. „Wir bilden nicht auf Verdacht aus sondern bewusst.“ Ob er denn selbst auch Mundharmonika spielt, wollen wir wissen. Seine Antwort: „Ich bin kein Musiker, aber zum Testen der Instrumente reicht’s.“ Dazu passt dieser Vogtländer Spruch: „Wir bauen besser als wir spielen.“

gestanzter Schalldeckel
Nietwerkbank
im Stimmzimmer

Der Geschäftsführer führt uns in den Keller des Seydel-Gebäudes. Dort werden die Stimmplatten ausgestanzt, entsprechend laut geht es zu. Auf die Stimmplatten kommen die Stimmzungen. Die meiste Arbeit wird händisch verrichtet oder mit alten Apparaturen. Wir sind in einer Manufaktur! Die Firma C.A. SEYDEL SÖHNE bearbeitet täglich auch Einzelanfertigungen und stellt Mundharmonikas in besonderen Tonarten her. „Aufträge aus slawischen Ländern brauchen z.B. eine Moll-Stimmung, ansonsten werden die Stimmzungen meistens auf 443 Hertz gestimmt. Im Obergeschoss der Produktionsstätte gibt es mehrere kleine Raumeinheiten, dort werden die Zungen gestimmt bzw. die Stimmung getestet. „Im Keller arbeiten wir mit Muskelkraft“, verdeutlicht Lars Seifert, „im Obergeschoss mit Hydraulik.“

Stimmautomat für Triola

Zum Schluss unseres gut zweistündigen Besuchs zeigt er uns noch die allseits beliebte Triola, ein Blasinstrument mit bunten Tasten für Kinder. Genial. Im Westen kennen wir nur die Melodica, die für Kinder aber nur mit Notenkenntnissen gespielt werden kann. Die Triola dagegen erfordert keine Notenkenntnisse, durch die bunten Tasten können schon Drei- bis Sechsjährige einfache Lieder spielen. 

Jetzt wissen wir, wie sie klingen, die Klänge aus Klingenthal, und dafür bedanken wir uns sehr herzlich bei Lars Seifert, der mit seinen detaillierten Ausführungen unseren Horizont erweitert und eine Spende zu Gunsten krebskranker Kinder zugesagt hat.

https://www.seydel1847.de/

LESEN- SICH FREUEN – SPENDEN – DANKE