Saiten für die ganze Welt
„Hilfe! Überfall!“ wird sich Sebastian Renz gedacht haben, als wir ohne Vorankündigung durch die Haustür marschieren und an der Bürotür anklopfen. Es gibt nämlich keine Klingel, oder wir haben sie übersehen. Jedenfalls öffnet ein äußerst sympathischer junger Mann, einer der beiden Geschäftsführer der Lenzner Saitenmanufaktur OHG. Wir verklickern ihm unsere Mission, bitten darum, eine Reportage über ihn, seinen Bruder Matthias und ihr kleines, aber feines Unternehmen machen zu dürfen. Tatsächlich bietet er uns einen Platz in seinem Büro an, wo ursprünglich eine Friseurstube eingerichtet war. Dort hat Gustav Lenzner im Jahr 1900 mit der Gründung einer Saitenspinnerei den Grundstein gelegt für den heutigen Betrieb. Seither wird an gleicher Stelle ununterbrochen produziert, obwohl sich die Vorfahren durch die Wirren der Geschichte immer wieder neu erfinden mussten. Zwischen damals und heute liegen zwei Weltkriege und die ganz besondere Zeit der DDR. Während dieser einschneidenden Periode wurde der Betrieb verstaatlicht. Der Vater von Sebastian und Matthias, Reinhard Renz, gehörte damals dem volkseigenen Betrieb MUSIMA an. Wohin die Saiten verkauft wurden – das wusste niemand so genau. Nach der Wende stellten Reinhard Renz und ein Partner dann alles vom Kopf auf die Füße und machten sich selbständig. Sie mussten quasi bei Null neu beginnen. Dass der Neuanfang gelungen ist, zeigt die Tatsache, dass es sich bei der Lenzner Saitenmanufaktur OHG heute um eine weltweit anerkannte Firma handelt mit Kunden in den meisten Ländern.
Sebastian Renz jedenfalls erinnert sich noch gut daran, wie er als Junge nach der Schule in der Werkstatt saß und vieles beobachten konnte. Er ist mit der Saitenmacherei aufgewachsen, hat später allerdings den Optiker-Beruf erlernt. Somit ist er Seiteneinsteiger in der Saitenmanufaktur. „Ganz so schwer ist mir das nicht gefallen“, resümiert er, „denn für die Arbeit hier gibt es physikalische Formeln, und Fingerfertigkeit braucht man auch als Optiker.“ Dass er, nachdem sein Vater vor acht Jahren in Rente gegangen ist, gemeinsam mit seinem Bruder das Familienerbe angetreten kann, macht ihn stolz. „Was der Vater aufgebaut hat, wollen wir nicht in den Sand setzen“, betont er mit Nachdruck. „Den Einstieg in die Firma seiner Vorfahren hat Sebastian Renz noch keine Sekunde bereut. Wie auch? Die Brüder sind erfolgreich, ihr Portfolio ist groß. Sie stellen Saiten her für alle möglichen Zupf- und Streichinstrumente: Leier, Kantele und Harfe werden von ihnen besaitet, ebenso Gitarre, Mandoline und Mandola und in einer besonderen Spezifikation auch Violine, Viola, Cello und Kontrabass. Die Renz-Brüder gelten, wie auch ihr Vater schon, als Spezialisten auf ihrem Gebiet. Sie fertigen Saiten für die Akkordzither, für das Hackbrett sowie Saiten, die in der Musiktherapie gebraucht werden. Mit modernster Saitenspinntechnik können Produkte für alle Anwendungen bereitgestellt werden. Fotografieren dürfen wir die Technik nicht, und dafür haben wir großes Verständnis. Sonder- und Spezialanfertigungen bereiten den Brüdern Sebastian und Matthias Renz keine Probleme, auch nicht die Tatsache, dass der ehemalige Ausbildungsberuf des „Saitenspinners“ nicht mehr existiert. „Heute gibt es nicht einmal mehr eine Schule, wo Interessenten sich weiterbilden können“, erzählt Sebastian Renz, „also lernen wir unsere Mitarbeiter selbst an.“ In der Firma Lenzner Saitenmanufaktur OHG, soviel steht fest, werden durch Fachkräfte in Handarbeit ausschließlich Qualitätssaiten für hohe Ansprüche hergestellt.
„Ein gutes Standbein“, berichten die beiden Brüder stolz, „ein gutes Standbein ist die Zither, die besonders oft in Österreich gespielt wird und sogar -man höre und staune- im japanischen Königshaus. Wer hätte das gedacht? Aber auch Saiten für Instrumente aus fernen Ländern wie Aoud, Saz, Kretische Lyra, Zymbal, Bouzouki, Keltische Harfe, Balalaika, Domra und viele mehr können problemlos bereitgestellt werden. Alle Achtung! Ob er selbst auch ein Saiteninstrument spielt, wollen wir von Sebastian Renz wissen. Er schmunzelt und erzählt, dass er sich einem Blasinstrument, dem Waldhorn verschrieben hat. Aber immerhin kann er uns die Mandoline seiner Uroma zeigen.
Und dann kommt’s: An der Wand hängt nämlich eine besondere Auszeichnung. Der Vater von Sebastian und Matthias Renz, Reinhard Renz steht im Guinessbuch der Rekorde! Jawohl! Und warum? Weil er die größte Geige der Welt mit Saiten ausgestattet hat. Das Original ist im Gerberhaus in Markneukirchen zu bestaunen. Um die Urkunde in Empfang zu nehmen, mussten die 15 Geigenbaumeister, mit ihrem Gemeinschaftswerk, dem Riesen-Musikinstrument nach London reisen. An der Themse wurde auf der besonderen Geige musiziert. Ein eigens dafür komponiertes Werk: „Rhapsodie für Riesengeige und Orchester“ von Stephan König kam zur Aufführung. Die Produktion der besonderen Saiten war nur möglich, weil dafür die ganze Werkstatt umgeräumt und zwei Maschinen zusammen gekoppelt wurden. Wir kommen aus dem Staunen jedenfalls nicht mehr heraus, und wir sind beeindruckt von einer Kunst, die man hören und fühlen kann.
Danke für die interessanten Einblicke, und Danke für eine Spende zu Gunsten krebskanker Kinder.
LESEN – STAUNEN – SPENDEN – DANKE!!!
