Ein Gesamtkunstwerk

…ein ausgesprochen sympathisches noch dazu! Es ist ein Tag, an dem man den Nordfriesen-Nerz nicht ablegen kann, und wir sind auf der Suche nach einer beeindruckenden Persönlichkeit. Aber woher nehmen, ohne zu stehlen? Wir entscheiden uns, nach Friedrichstadt zu fahren, in die „Stadt der Toleranz“, geprägt durch die beiden Flüsse Eider und Treene. Auch an Tagen, an denen der Himmel seine Schleusen nicht öffnet, gibt es dort viel Wasser und viele Boote, weil die Stadt von Kanälen durchzogen ist. Ein bisschen haben wir den Eindruck, in Holland zu sein. Wunderschön ist dieser Ort. Weil es aber in Strömen gießt, suchen und finden wir auf Anhieb einen gemütlichen Unterschlupf. Das Café Pharisäer Stuuv wirkt einladend und gemütlich – wie eine Stube eben.

Die Stuuv trägt die Handschrift der Inhaberin Anna-Lena Jürgensen. Sitzecken mit Plüschsofas sind genau das, was uns den Regen vergessen lässt. „Das habe ich bewusst so eingerichtet, damit die Gäste auch länger hier verweilen können, sie sollen sich fühlen wie im eigenen Wohnzimmer“, erklärt die junge Frau mit den vielen Tattoos. Dadurch wird sie zu einem absoluten Hingucker. Alle Motive denkt sie sich selber aus und lässt sie von einem Tattoo-Künstler ihres Vertrauens stechen. Gesicht, Hals und Arme sind kunstvoll verziert. „Numb the pain“ steht auf ihrem Hals – „betäube den Schmerz“. Der Vorgang der Körperverzierung muss doch höllisch weh tun, vermuten wir. Anna-Lena Jürgensen bestreitet das nicht. Manchmal geht sie durch die Hölle. „Sobald ich aber das Ergebnis sehe, ist der Schmerz vergessen“, bekennt sie freimütig. „Alle Motive haben etwas mit mir und meinen Erlebnissen zu tun, ich bin ein Individuum, die Tattoos sind mein Schmuck.“ Wo sie Recht hat, hat sie Recht!

Die junge Café-Besitzerin ist eine sehr spontane und selbstbewusste Persönlichkeit, die weiß, was sie will – in jeder Beziehung. Vor noch nicht einmal einem Monat hat sie die Pharisäer Stuuv eröffnet. Die Pacht teilt sie mit ihrer Frau, Kuchen und Torten backt sie mit ihrer Mama, Margitta Feddersen. Und da wiederholt sich die Geschichte, denn ihre Mutter war es, die die Pharisäer Stuuv bis vor ein paar Jahren selbst geführt hat. Nachdem die Räumlichkeiten jetzt wieder zu vermieten waren, hat Anna-Lena Jürgensen nicht lange gefackelt. Innerhalb von nur sechs Wochen war alles renoviert, inklusive des Bodens, den die gelernte Bodenlegerin neu verlegt hat. Den Namen des Cafés hat sie bewusst so belassen, wie ihre Mutter ihn damals ausgewählt hatte. Aus Hamburg ist Anna-Lena nach Friedrichstadt gezogen – von der Großstadt in die Provinz -, um sich beruflich neu zu orientieren. Ein Kulturschock war das nicht, ist sie doch in Friedrichstadt aufgewachsen.

Was das Café anbelangt, dem hat sie nicht nur mit Einrichtung und Deko ihren ganz eigenen Stempel aufgedrückt, sondern auch mit dem Angebot. Die Pharisäer Stuuv ist ein vegan-vegetarisches Café mit vielen speziellen Angeboten abseits von Fleisch und Wurst. Sie bietet Frühstück an, und weil sie auch DJ ist, soll es  musikalische Events geben. An Ideen fehlt es nicht. Die Karte wird saisonal bestückt, sie denkt an Bastel- Glühwein- und Cocktailabende, und sie liebäugelt mit Speed-Dating für ältere Herrschaften. Die Unterhaltung mit dem sympathischen Gesamtkunstwerk ist sehr erfrischend.

Anna-Lena Jürgensen und Margitta Feddersen

Anna-Lena Jürgensen nimmt das Leben, wie es kommt, und sie wird bestimmt immer das Beste aus jeder Situation machen. Dass sie sich aus freien Stücken spontan dazu entschlossen hat, mit ihrer persönlichen Geschichte das Projekt „Merkels Grenzerfahrungen“ ein Stück weiter voran zu bringen, macht uns glücklich und dankbar. Wir wünschen ihr viel Erfolg und dass sie immer so unverkrampft und authentisch durchs Leben geht.

Pharisäer Stuuv auf Instagram

 

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