Vom Rheingraben in die Wattwerkstatt
Süddeutschland oder Nordseestrand? Diese Fragen hat sich Nico(las) Ulbrich so wahrscheinlich nie gestellt. Dass er im hohen Norden gelandet ist, weitab der Zivilisation mitten auf der Hamburger Hallig lebt, macht ihn trotzdem oder gerade deshalb sehr glücklich. Fernab der Zivilisation ist vielleicht ein bisschen zu dick aufgetragen, denn das Restaurant auf der Hamburger Hallig liegt direkt neben seiner Wattwerkstatt, und dorthin pilgern die Leute bei gutem Wetter in Strömen. Was ich sagen will, ist, dass er zumindest nachts mutterseelenallein in seiner etwa 40 qm großen Behausung auf sich gestellt ist. Die Nordsee ist dann seine einzige Gefährtin.
Nico ist Student der Ökologie und Evolution in Frankfurt/Main. Sein Studienziel – Ökologe. Ein Praktikum ist Pflicht. Dass er dieses Praktikum im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer absolvieren darf, empfindet er als Privileg. Gesponsert wird diese Ausbildungszeit von der Commerzbank. „Um angenommen zu werden, braucht man ein Quäntchen Glück, und ich habe mir bei der Bewerbung richtig viel Mühe gegeben. Gleich als ich erfahren habe, dass man sich für die Wattwerkstatt bewerben kann, war mein Interesse geweckt. Das musste einfach klappen“, erzählt er von seiner Vorbereitungszeit. Seine Arbeit in der Wattwerkstatt ist nicht nur abwechslungsreich, sondern auch ein bisschen kurios. „Täglich kommen hier Touristen an mit Rädern, die sie sich unten am Amsinck-Haus ausgeliehen haben. Sie sind doch tatsächlich der Meinung, dass ich bei Pannen helfen oder platte Reifen reparieren kann. Kann ich aber nicht! In der Wattwerkstatt sind andere Arbeiten zu verrichten“, schmunzelt der sympathische Lockenkopf aus Ettenheim. „Bei uns geht es um Naturschutz und Umweltbildung.
Betreut wird Nico von einem Nationalpark-Ranger. Mit ihm geht er auf Tour. Von ihm erfährt er alles Wichtige über die Nordsee und das Vorland, über Salzwiesen und Dünen, über Vögel und Fische, aber auch über die Gefahren, denen die Nordsee ausgesetzt ist – Stichpunkt Meeresverschmutzung. In der Werkstatt hängt zum Beispiel ein Fischernetz, gefüllt mit allerlei Unrat. „Alle diese Dinge – Plastikflaschen, vergessene Sandeimerchen und vieles mehr – holen wir aus dem Meer. Das ist ein Teil, aber längst nicht alles, was mit dem Thema Naturschutz zu tun hat. Wenn wir die Utensilien hier zeigen und darüber reden, ist das wiederum ein kleines Stückchen Umweltbildung“, erklärt er. Als wir Nico in der Wattwerkstatt antreffen, ist er umringt von einer Schar Menschen – viele Kinder sind darunter. Sie fragen dem Praktikanten Löcher in den Bauch, und er weiß auf alle Fragen eine Antwort. Man möchte nicht meinen, dass der Student erst seit sechs Wochen in der Wattwerkstatt arbeitet. So souverän geht er mit den Fragen um.
Er kennt viele Vogel- und Fischarten, erzählt zum Beispiel vom klein gefleckten Katzenhai, vom Austernfischer und von der Küstenseeschwalbe, die in der Nordpolarregion brütet und in der Südpolarregion überwintert. „Hier gibt es das sogenannten Küstenseeschwalben-Monitoring, Eier werden vermessen, Jungvögel gemessen und gewogen – natürlich von zertifizierten Fachleuten.“ Das Zusammenspiel von Tieren, Pflanzen, Wiesen und Nordsee empfindet Nico als etwas ganz Besonderes. „Allein über den Vogelzug könnte man Bücher schreiben.“ Sein Praktikantenplatz im Wattenmeer fasziniert ihn auch aus einem anderen Grund. „Ich kann hier schwimmen, aber auch wandern (im Watt).“ Schon als Kind war Nico an der Natur interessiert. In einem Dorf bei der südbadischen Gemeinde Ettenheim ist er aufgewachsen, die Liebe zur Natur wurde ihm in die Wiege gelegt. „Das ist wahrscheinlich die Basis für meinen Berufswunsch“, vermutet der 26-Jährige.
Bei seiner Ankunft im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer ist er ins kalte Wasser gesprungen. „Ich wurde kurz gebrieft, und dann gings los: Touren mit dem Rancher, Wattenmeer und Naturpark, Schutzzonen, Rast- und Brutgebiete kennenlernen, Spülsaum-Monitoring – all das darf ich hier erleben und lernen, und ich darf sogar lesen! Auch das gehört zu meinen Aufgaben – ich fühle mich hier reich beschenkt.“ Die Landschaft an der Nordseeküste entschleunigt, zumal, wenn jemand aus dem dicht besiedelten Südbaden kommt. Das empfinden nicht nur wir so, sondern auch Nico. “Es fühlt sich an als würde jemand auf die Bremse treten“, bestätigt der Student. Ob er nach Abschluss seines Studiums nach Norddeutschland zurückkehren wird, weiß noch niemand, aber ausgeschlossen ist es nicht. Eine „Kleinigkeit“ gibt Nico dann aber noch zu bedenken: „Bis jetzt war noch nie ‚Land unter‘, Stürme oder bedrohliche Situationen gab es noch nicht. Wer weiß, wie sich das anfühlt?“
Wer Nico reden hört, spürt jedenfalls seinen Respekt vor dem Wattenmeer, vor der Natur mit allem, was dazu gehört. Und man spürt noch etwas: seine Freude über das, was er tut, und wenn er erzählt macht er das mit einer Begeisterung, die ansteckend ist. Wir wünschen Nico, dass das immer so bleibt, und wir bedanken uns für das Gespräch mit ihm. Das wiederum hat uns begeistert. Danke auch für die Spende zugunsten der Aktion „Merkels Grenzerfahrungen“ und dafür, dass er unseren Blog in seinen Netzwerken teilen möchte.
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